Wednesday, September 09, 2009

Kuss des Schnabeltiers

From today, the German edition of "The birds, the bees, and the platypuses" should be in the shops, even though amazon.de haven't updated the relevant page yet. As a taster for German readers, here's the manuscript version of the preface to the book:



Vorwort

Wissenschaft macht Spaß! Sieben Jahre lang habe ich als Hobbyreporter über naturwissenschaftliche Neuigkeiten berichtet, und seit Mai 2000 dann als hauptberuflicher Wissenschaftsautor. In diesen 15 Jahren haben sich Dutzende von Geschichten angesammelt, an die ich mich immer wieder gerne erinnere, weil sie mir beim Schreiben (und dem einen oder der anderen hoffentlich auch beim Lesen) so viel Freude bereitet haben.

Dies sind die Geschichten, die mich immer wieder in Versuchung führen, wenn ich sie beim Blättern in meinen Archiven sehe, sie zum x-ten Mal wieder zu lesen und damit meine Zeit zu vergeuden. Viele von diesen Geschichten habe ich mehrfach in verschiedenen Formaten und Sprachen verwendet, als Beispiele zitiert, oder an meinen Lebenslauf angehängt. Sie zeigen, zumindest meiner Ansicht nach, dass Naturwissenschaften ein Teil unserer Kultur sind, der ebenso bunt und vielfältig sein kann wie etwa Literatur oder Musik, und intellektuell ebenso bereichernd.

Was zeichnet diese meine “Lieblingsgeschichten” gegenüber den knapp 1000 anderen aus, die ich in all den Jahren verfasst habe? Ich habe drei wichtige Kriterien gefunden, von denen jede der Geschichten eines oder sogar mehrere erfüllt. In Anlehnung an den Titel eines Albums der Gruppe TLC habe ich meine Kategorien crazy, sexy, und cool genannt.

Die erste Kategorie stellt gleichzeitig den Nukleationskeim dar, um den sich dieses Buch kristallisierte. Die Idee, eine Sammlung verrückter Geschichten zusammenzustellen, trage ich schon seit etlichen Jahren mit mir herum. Die erste “verrückte” Geschichte war die mit den Kamelen, siehe Seite XXX. Unter “crazy” finden sich überraschende, außergewöhnliche, und oft ganz und gar verrückte Entdeckungen und Launen der Natur, die sich dann aber oftmals als nützlich erweisen, wie eben die verrückten Antikörper der Kamele. In dieser Abteilung finden sich auch Forschungsprojekte, die anfangs so aussichtslos erschienen, dass schon ein gewisses Maß an Verrücktheit dazugehörte, sie überhaupt erst in Angriff zu nehmen. Die Sequenzierung des Neandertaler-Genoms, beruhend auf weniger als einem Milligramm hochgradig kontaminierter DNA, zählt zweifellos dazu.

Sexy Geschichten handeln manchmal von Lust und Liebe, manchmal aber auch von anderen Obsessionen unserer Species, vom glitzernden Gold bis zum süffigen Wein. In meinem Gesamtwerk sind „menschelnde“ Geschichten eher die Ausnahme, doch aufgrund ihrer besseren Zugänglichkeit sind sie hier gleichberechtigt mit jenen über Bakterien oder Moleküle vertreten.

Coole Geschichten erzählen oft von pfiffigen Erfindungen, Werkzeugen, und Gimmicks. Viele davon wurden in den vergangenen Jahren von WissenschaftlerInnen erfunden, doch manche stammen auch aus dem Werkzeugkasten der Natur.

Beim Zusammenstellen dieser Texte ging ich jeweils von einem Manuskript für einen Zeitungs- oder Zeitschriftenbeitrag aus, überarbeitete dieses, und fügte eine Einführung hinzu, um zu erklären, was diese Geschichte interessant macht. Den älteren Texten habe ich zusätzlich auch ein Nachwort mit einer Zusammenfassung nachfolgender Entwicklungen angehängt. Innerhalb der drei Teile des Buchs sind die Kapitel grob chronologisch geordnet, so dass sie auch einen Eindruck davon vermitteln, wie sich die Wissenschaft in diesen 15 Jahren weiterentwickelt hat. Die Jahreszahl der Originalveröffentlichung ist am Ende jeder Geschichte in Klammern angegeben.

Die Mehrzahl dieser Geschichten erschien entweder in Spektrum der Wissenschaft, Nachrichten aus der Chemie, Chemie in unserer Zeit, oder Biologie in unserer Zeit. Einige lagen bisher nur in englischer Sprache vor (als Artikel in Chemistry World oder Chemistry in Britain, sowie in der englischen Fassung dieses Buchs. Zwei Geschichten sind nach der Zeitschriftenveröffentlichung auch in meinen inzwischen vergriffenen Büchern Expeditionen in den Nanokosmos bzw. Exzentriker des Lebens erschienen.

Mein Dank gilt all den Redakteurinnen und Redakteuren, die mir in all den Jahren Aufträge erteilt und meine Artikel in ihre Zeitungen und Zeitschriften aufgenommen haben. Einige von ihnen haben mit der Zeit die Fähigkeit erworben, meine Gedanken zu lesen, was meine Arbeit vereinfacht und beschleunigt. Doch auch dann, wenn sie kritische oder scheinbar dumme Fragen stellen, helfen sie mir, meine Begeisterung mit den LeserInnen zu teilen.

Fünfzehn Jahre sind eine außerordentlich lange Zeit in der modernen Wissenschaft – das fiel mir besonders auf, als ich die Artikel aus den 1990er Jahren überarbeitete. Einige von diesen muteten bereits historisch an, Erinnerungen an die längst verflossene Vor-Genom-Zeit, als man mit Untersuchungen an einzelnen Genen oder einzelnen Proteinen noch Lorbeeren erringen konnte. Einige der Themen, die ich damals spannend fand scheinen aus der Mode gekommen zu sein, während andere geradezu spektakulär erblüht sind und teilweise bereits nützliche Früchte tragen. Einige der erwähnten ForscherInnen haben inzwischen einen Nobelpreis erhalten, andere scheinen vom Radar verschwunden zu sein. So ist das Leben, auch in der Wissenschaft.

Vor allem aber hoffe ich, dass die ausgewählten Geschichten einen Eindruck von der Lebendigkeit der Wissenschaft der letzten eineinhalb Jahrzehnte vermitteln und dabei deutlich machen, dass jede Frage, welche die Forschung beantwortet, gleich mehrere neue, ebenso spannende Fragen aufwirft, und damit für einen unendlichen Strom von verrückten, sexy, und coolen Entdeckungen sorgt.

Oxford, Dezember 2008

Michael Groß

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